Wann hörte der Fluss auf, ein Treffpunkt zu sein

„Non si bi connoskés prusu – Man erkennt ihn nicht mehr wieder“, sagt mein Großvater auf Sardisch, als ich ihn zu einem Spaziergang am Fluss mitnehme. Seit vielen Jahren war er nicht mehr dort gewesen.

Heute ist es eine echte Herausforderung, ihn zu erreichen: Der Pfad ist schwer begehbar, überwuchert von Gestrüpp und Dornen. Wer hinuntergeht, kommt mit zerkratzten Schienbeinen und Armen zurück.

Doch das war nicht immer so.

Früher waren die Feldwege in Lodè belebt und die Pfade sauber. Es war fast wie ein Dorf am Rand des Dorfes, denn fast jeder ging dorthin, um die Felder zu bearbeiten, die Tiere zu versorgen, die Bienenstöcke zu kontrollieren oder nach den Bienen zu sehen.

Aber auch, um Wäsche zu waschen oder einfach „pro bagnare“ – baden zu gehen.

„Istaiamos venas a 15-20 pizzinnos inintro’e s’abba… app’ael-juttu 12 o 13 annos – Wir waren oft fünfzehn oder zwanzig Jungen gleichzeitig im Wasser … ich werde zwölf oder dreizehn Jahre alt gewesen sein.“

Mein Großvater lacht, während er davon erzählt, als würde er sich selbst wieder als jenen wilden Jungen sehen, um den sich kaum ein Erwachsener kümmerte. In den 1940er Jahren verbrachte auch er einen Großteil seiner Tage bei Ponte Ruttu, wo er einige Ziegen hütete.

Während die Tiere friedlich grasten, wurde der Fluss zum Treffpunkt der Kinder.

Vielleicht wegen der Geschichten, vielleicht wegen der besonderen Namen, die man seinen Orten gegeben hatte (Ponte Ruttu, Orcherì, S’Istrìsina, Gallé): Der Fluss von Lodè hat sich immer etwas Geheimnisvolles bewahrt.

Hier entstanden viele wahre Geschichten von Menschen und Tieren, die von der unerbittlichen Strömung mitgerissen wurden. Im Dorf erzählt man zum Beispiel von einem Mann namens Cosimo Ghisu, der 1946 ums Leben kam, als er versuchte, den Fluss zusammen mit seinem Pferd zu überqueren. Er hinterließ seine Frau allein mit sieben kleinen Kindern.

Der Älteste war zwölf Jahre alt.

Doch hier entstanden auch Legenden, etwa die von den Sas Panas: den Seelen von Frauen, die bei der Geburt gestorben sind und der Überlieferung nach nachts an den Fluss zurückkehren, um sieben Jahre lang Wäsche zu waschen. Man darf sie nicht stören.

Unsere Großeltern lernten hier schwimmen, und unsere Väter sprangen als Jugendliche in die natürlichen Wasserbecken und suchten Schildkröten am sandigen Ufer.

Meine Mutter erzählt mir, dass die Mädchen oft heimlich dorthin gingen, weil ihre Eltern es nicht erlaubten. Die Jungen dagegen waren freier: Sie verbrachten ganze Tage am Fluss, lernten schwimmen, lieferten sich Sprungwettbewerbe und kamen erst nach Hause, wenn es dunkel wurde.

Meine Mutter und ihre Freundinnen am Fluss, Lodè - '80er Jahren
Meine Mutter und ihre Freundinnen am Fluss, Lodè – ’80er Jahren

„Una orta bi viti sa mama de unu pizzinnu a gridasa dae su Casteddu, cramande su izzu ca vit preoccupata, ca su izzu non bi torraìata – Einmal stand die Mutter eines Jungen oben in Su Casteddu und rief nach ihrem Sohn, weil sie sich Sorgen machte, dass er nicht zurückkam.“

Auch meine Generation hat noch einen Teil dieser Welt kennengelernt. Als Mädchen ging ich manchmal mit Freunden und Freundinnen zum Fluss. Wir gingen dort baden, manchmal ebenfalls heimlich.

Heute sind die meisten Stellen, an denen früher gebadet wurde, von Gestrüpp überwuchert. Die natürlichen Wasserbecken sind fast immer leer und still, vielleicht weil sich die Rolle verändert hat, die diese Orte in unserem Leben spielen.

Es ist leicht, vom Bevölkerungsschwund zu sprechen, und natürlich spielt auch er eine Rolle. Aber vielleicht geht es nicht nur um Zahlen. Die Gewohnheiten haben sich verändert, die Art, die Freizeit zu verbringen, und das Verhältnis zur Landschaft.

Mein Großvater verbrachte seine Tage am Fluss, weil er dort die Ziegen hütete. Für ihn und seine Freunde war dieser Ort kein Ziel, das man erreichte. Er war Teil des Alltags. Früher genossen Kinder und Jugendliche eine Freiheit, die heute kaum noch vorstellbar erscheint. Mit zwölf oder dreizehn Jahren verbrachten sie ganze Tage fern von zu Hause, zwischen Feldern, Tieren und Wasser, und lernten früh, allein zurechtzukommen und auch Risiken einzugehen.

Für unsere Großeltern war der Fluss ein Ort der Arbeit und der Begegnung. Für unsere Väter war er ein Ort des Abenteuers. Für viele Menschen nimmt er heute nicht mehr den zentralen Platz ein, den er in früheren Generationen hatte, weil die Welt, die die Menschen ganz selbstverständlich an den Fluss führte, weitgehend verschwunden ist. Viele der Tätigkeiten, Notwendigkeiten und Gewohnheiten, die ihn zu einem Treffpunkt machten, existieren nicht mehr.

Der Fluss hingegen ist geblieben, fast unverändert.

Vielleicht hat er sich nicht nur deshalb geleert, weil es weniger Menschen gibt.

Vielleicht hat er sich geleert, weil die Welt verschwunden ist, die ihn einst mit Leben füllte.

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