Es soll ein Junge sein.

Es war das Jahr 1959, als ein siebenjähriges Mädchen den Auftrag bekam, eine freudige Nachricht zu überbringen: Nach mehreren Anläufen war endlich der erste Junge geboren worden, nach drei Töchtern.

Sie rannte zum Haus einer befreundeten Familie. Außer Atem konnte sie es kaum erwarten, die erlösenden Worte auszusprechen:

„Est mascriteddu“ – „Es ist ein Junge.“ Die Frau sah sie an und antwortete erleichtert: „E tando custe a dottoreddu“ – „Dann wird aus ihm einmal ein Doktor.“

Dieses kleine Mädchen war die Schwester meines Vaters.

Fast siebzig Jahre sind seitdem vergangen. Heute würde wohl kaum noch jemand offen sagen: „Glückwünsche zu einem Sohn.“ Zumindest nur noch selten.

Und trotzdem frage ich mich, ob diese Art, Kinder zu betrachten, wirklich verschwunden ist. Oder ob sie lediglich ihre Gestalt verändert hat.

Nach einer lebhaften Diskussion mit Freunden über Kinder stellte ich mir zum ersten Mal ernsthaft eine Frage: Unsere Wünsche erscheinen uns als etwas zutiefst Persönliches. Vielleicht sind sie aber zugleich das Sozialste, was wir besitzen.

Wir sind alle Anfang dreißig.

„Das erste Kind muss ein Junge sein“, sagt einer.

„Mit einer Tochter könnte ich einfach nicht dieselben Dinge machen“, antwortet ein anderer.

Warum wirken solche Sätze auch heute noch so selbstverständlich? Und sind wir wirklich sicher, dass dieser Wunsch tatsächlich unser eigener ist?

Ich kann mich kaum daran erinnern, jemanden sagen gehört zu haben: „Ich wünsche mir, dass das erste Kind ein Mädchen wird.“

Wären unsere Wünsche tatsächlich rein individuell, müsste ihre Verteilung ziemlich zufällig sein. Manche würden sich einen Sohn wünschen, andere eine Tochter, ohne ein erkennbares Muster. Doch in vielen Familien und Gesprächen taucht derselbe Wunsch immer wieder auf: Das erste Kind sollte möglichst ein Junge sein.

Zuerst dachte ich, diese Beobachtung sei bloß ein Gefühl, entstanden bei einem Abendessen unter Freunden. Dann begann ich, mich mit wissenschaftlichen Studien zu beschäftigen. Sie zeigen etwas Ähnliches: Die Vorlieben für das Geschlecht eines Kindes unterscheiden sich je nach Land. Und Italien gehört bis heute zu den europäischen Ländern, in denen die Präferenz für einen Sohn stärker ausgeprägt ist.

Historisch betrachtet hatte diese Präferenz durchaus ihre Logik: der Familienname, das Erbe, die Arbeitskraft, die Beziehung zwischen Vater und Sohn, aber auch die Angst vor einer unehelichen Schwangerschaft einer Tochter.

Heute jedoch können Familiennamen frei gewählt werden, Töchter erben genauso wie Söhne, Frauen arbeiten, führen Unternehmen, ernähren ihre Familien. Verhütung gehört längst zum Alltag.

Und trotzdem scheint etwas geblieben zu sein. Nicht in den Gesetzen, sondern in unserer Vorstellung davon, wie die Welt aussieht.

Theoretisch könnte ein Mädchen all das tun, was ein Junge gemeinsam mit seinem Vater tut.

Sie könnte es.

Und viele tun es auch.

Trotzdem stellen wir uns einen Vater mit seinem Sohn noch immer viel leichter vor als mit seiner Tochter.

An dieser Stelle muss ich an Simone de Beauvoir denken. Als sie schrieb: „Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es.“, wollte sie nicht sagen, dass der Körper keine Rolle spiele. Sie meinte vielmehr, dass ein großer Teil dessen, was wir als „weiblich“ bezeichnen, daraus entsteht, wie eine Gesellschaft ein Mädchen von klein auf betrachtet und behandelt.

Wenn wir einem Jungen einen Fußball, ein Spielzeuggewehr oder eine Angel schenken, einem Mädchen dagegen eine Puppe oder eine Spielküche, verschenken wir nicht bloß Spielzeug.

Wir verschenken Möglichkeiten.

Durch diese Geschenke lernen Kinder, wer sie sein sollen. Und was sie tun oder eben nicht tun sollen.

Ich bin die Tochter eines Mannes, der unglaublich viele Dinge beherrscht. Er ist Bäcker, besitzt einen Weinberg und weiß, wie man einen Gemüsegarten bewirtschaftet. Fähigkeiten, die ich heute für ausgesprochen wertvoll halte.

Als ich mit neunzehn von zu Hause auszog, konnte ich jedoch weder Brot backen noch einen Weinberg pflegen oder auch nur eine Kartoffel pflanzen. Niemand hatte mir das beigebracht.

Erst als Erwachsene begann ich, all diese Dinge nachzuholen. Es fühlte sich an, als würde ich mir einen Teil der Welt zurückerobern, von dem ich unbemerkt gelernt hatte, fernzubleiben.

Wenn ein Vater seinen Sohn jahrelang mit zur Jagd nimmt, zum Angeln, in die Werkstatt oder aufs Feld, während seine Tochter ganz selbstverständlich in andere Bereiche gelenkt wird, dann überrascht es kaum, dass er als Erwachsener das Gefühl hat, mit einem Sohn mehr gemeinsam zu haben als mit einer Tochter.

Vielleicht sollten wir den Gedanken deshalb umdrehen.

Nicht:

„Ich wünsche mir einen Sohn, weil ich mit ihm mehr gemeinsam machen kann.“

Sondern:

„Ich kann mit ihm mehr gemeinsam machen, weil ich über Jahre hinweg eine andere Beziehung zu ihm aufgebaut habe.“

Das eigentliche Problem ist nicht der Wunsch nach einem Sohn.

Das Problem beginnt dort, wo wir diesen Wunsch für etwas Natürliches halten, ohne uns jemals zu fragen, woher er eigentlich kommt.

Wünsche entstehen nicht im luftleeren Raum. Sie wachsen in einer Kultur, in Gewohnheiten, in alltäglichen Gesten.

Vielleicht sollten wir uns deshalb, bevor wir uns fragen, was wir uns wünschen, zuerst fragen, wer, wie, wann und warum uns beigebracht hat, genau das zu wünschen.

Heute würde kein kleines Mädchen mehr durch das Dorf laufen und rufen:„Est mascriteddu!.“ Und doch verkünden wir dieselbe Botschaft vielleicht noch immer, ohne es überhaupt zu bemerken.

Schreibe einen Kommentar