Wie sind wir von Blut, das unter einem Unterrock verborgen wurde, zu öffentlich finanzierten Menstruationsprodukten gekommen?
„Cussa pesta m’est ènnita“, diese Plage ist über mich gekommen. So sagten Frauen früher, wenn sie ihre Periode bekamen.
„Mancu mudandàs teniamos!“, wir hatten nicht einmal Unterhosen, erzählt mir Tzia Pretonillia, meine 92-jährige Nachbarin auf Sardinien. „Wir trugen nur einen Rock und einen Unterrock. Und wir liefen barfuß.“
Da drängt sich mir eine Frage auf: „Und was habt ihr gemacht, wenn ihr eure Periode hattet?“
„E coente achìamos?“, was hätten wir denn machen sollen? „Wir steckten die beiden Enden des Unterrocks mit einer Sicherheitsnadel zusammen. Der Stoff nahm auf, was er konnte, sehr wenig. Das Blut lief uns bis zu den Waden und zu den Füßen hinunter, und wir arbeiteten trotzdem weiter.“
Ein paar Stunden später lese ich in der Zeitung eine Schlagzeile: „Kostenlose Binden für unter 18-Jährige: Die Region Sardinien stellt 14,7 Millionen Euro bereit.“
Der Abstand zwischen diesen beiden Bildern könnte kaum größer sein.
An Tzia Pretonillias Erzählung fällt vor allem eines auf: Das Unbehagen brachte den Tag nicht zum Stillstand. Nicht, weil es weniger beschämend gewesen wäre, sondern weil es schlicht keine Alternative gab. Man machte einfach weiter.
„S’ordinaria“, „su mese“, „su marchese“, „sa règula“: Die Menstruation hatte hatte im Sardischem viele Namen. Doch im bäuerlichen Alltag hatten die Periode und überhaupt die Bedürfnisse des Körpers wenig Raum. Zuerst kam die Arbeit, zuerst kam die Notwendigkeit, weiterzumachen.
Für uns ist es heute glücklicherweise unvorstellbar, dass ein Mädchen mit Blut, das ihr an den Beinen hinunterläuft, weiterarbeiten müsste.
Und doch liegen nur wenige Generationen zwischen einer Situation, die uns heute absurd erscheint, und einer Region, die beschließt, einen Teil ihrer öffentlichen Ausgaben für Menstruationsprodukte bereitzustellen.
Es ergibt wenig Sinn zu behaupten, die Frauen von damals seien besser gewesen als die Frauen von heute. Es lohnt sich aber anzuerkennen, dass sie unter Bedingungen lebten, die sie ständig an Frustration, Anstrengung und Anpassung gewöhnten. Und daran, Schmerzen schweigend auszuhalten.
Die Erzählungen älterer Menschen helfen uns genau dabei: eine Welt zu erahnen, die wir selbst nie erlebt haben. Eine Welt, in der der Charakter von einem härteren, langsameren und weniger geschützten Alltag geprägt wurde.
Wer genau hinsieht, erkennt bei vielen Menschen dieser Generation noch heute ein anderes Verhältnis zu den Dingen: Man bewahrt auf, repariert, verwendet wieder, macht aus wenig etwas. Nicht, weil diese Menschen von Natur aus besser gewesen wären, sondern weil das Leben sie daran gewöhnt hat, nichts als selbstverständlich anzusehen.
Heute genießen wir enorme Privilegien: Wir müssen Leid nicht mehr einfach als unvermeidlich hinnehmen. Wir können ein Bedürfnis erkennen und versuchen, eine Lösung dafür zu finden, sogar mithilfe öffentlicher Politik.
Die Frage ist, ob wir zusammen mit unnötigem Leid auch jede Form von Widerstand und Reibung aus unserem Leben entfernt haben.
Ein Leben, in dem alles schnell, verfügbar und zugänglich sein soll, kann die Illusion erzeugen, jedes Hindernis sei eine Anomalie.
Wir müssen uns nicht zwischen der Welt von gestern und der von heute entscheiden. Aber wenn wir wirklich aus der Geschichte lernen wollen, sollten wir sie vielleicht wie einen Spiegel benutzen: um die Fähigkeit zu bewahren, Widerstand auszuhalten, ohne dafür wieder unnötig leiden zu müssen.