„Est’a sambenese – Das liegt im Blut“, sagt der Rutengänger. Mit einer Y-förmigen Rute in der Hand bewegt er sich langsam über das Gelände. Nach rechts. Nach links. Dann bleibt er stehen.
„Mi… inoca b’hat una ena – Hier gibt es eine Wasserader“, sagt er. Mit der offenen Hand zeichnet er eine imaginäre Linie über den Boden. Dann nimmt er die Rute wieder auf, die Handflächen nach oben gerichtet. Die Rute beginnt sich zu bewegen und senkt sich nach unten. Plötzlich scheint sie wie besessen: Sie windet sich in verschiedene Richtungen, als wüsste sie selbst nicht genau, wohin sie zeigen soll. „Cust’est una falda – Hier ist ganz sicher eine Wasser führende Schicht.“
Der Mann sucht Wasser. Er ist ein Rutengänger, jemand, der nach Ansicht vieler Menschen unterirdische Wasseradern und Grundwasservorkommen mit einer einfachen Rute oder einem Pendel aufspüren kann.
Auf Sardinien (und nicht nur dort) existiert diese uralte Praxis bis heute neben Bohrgeräten und deutlich moderneren Technologien.
Das Wort „Rabdomantie“ stammt aus dem Altgriechischen und bedeutet wörtlich „Weissagung mit einem Stab“ (rhabdos = Stab, Rute; manteia = Weissagung, Prophezeiung).
Es ist also der Glaube, dass manche Menschen die Gabe besitzen, Wasser oder Mineralien unter der Erde wahrzunehmen.
Voller Selbstvertrauen lässt der Rutengänger genau an dieser Stelle einen Pfahl setzen und empfiehlt dem Grundstücksbesitzer, genau dort zu bohren. Nur wenige Meter weiter, sagt er, würde man überhaupt nichts finden, denn: „S’abba colata inoche – Das Wasser fließt genau hier.“
Keiner der Anwesenden scheint an seinen Aussagen zu zweifeln.
Auf meine Frage, wie er entdeckt habe, dass er diese Gabe besitzt, antwortet er: „Appo provatu e minde so abbizzatu, chi lu iuco in su sambene – Ich habe es ausprobiert und gemerkt, dass ich es im Blut habe.“
Die Rute müsse aus Olivenholz oder Mastixstrauch bestehen, erklärt er mir. Sonst funktioniere sie nicht.
Wieder zu Hause angekommen, fasziniert von dieser geheimnisvollen Praxis, tue ich das Modernste, was man in dieser Situation tun kann: Ich recherchiere im Internet.
Dort erfahre ich, dass die wissenschaftliche Gemeinschaft die Rabdomantie als Pseudowissenschaft betrachtet. Es gibt keine Experimente, die ihre Wirksamkeit belegen, und keine belastbaren wissenschaftlichen Beweise.
Und doch treffe ich in Lodè kaum jemanden, der die Rabdomantie als Unsinn abtun würde.
Hier wundert sich kaum jemand, wenn vor der Bohrmaschine zunächst ein Rutengänger erscheint. Die Menschen glauben so sehr daran, dass sie die Vorstellung, manche Menschen hätten diese Gabe im Blut, nur selten infrage stellen. Auf den Rat von Rutengängern hin werden erhebliche Summen investiert, um genau an den von ihnen angegebenen Stellen zu bohren. Manchmal sind es sogar die Besitzer der Bohrmaschinen selbst, die als Rutengänger auftreten und bestimmen, wo gebohrt werden soll.
Die Anlage eines Brunnens kostet schnell mehrere tausend Euro. Und trotzdem kommt vor der Bohrmaschine oft noch immer ein Mann mit einer Rute in der Hand.
An Orten wie Sardinien bedeutete Wasser seit jeher Überleben. Sein Fehlen war, besonders in früheren Zeiten, eine echte Tragödie. Wasser ist hier beinahe etwas Heiliges. Deshalb wird der Boden nicht nur geologisch betrachtet, sondern auch mit Vorstellungskraft und mit der Angst vor dem Risiko.
Jahrhundertelang konnten sich Menschen bei der Suche nach Wasser nur auf Erfahrung, Erzählungen und über Generationen weitergegebenes Wissen verlassen. In einem Boden, in dem das Wasser unsichtbar bleibt, behauptet der Rutengänger, es spüren zu können, die Erde lesen zu können. Viele vertrauen ihm noch immer blind.
Vielleicht geht es also nicht darum, ob sich die Rute tatsächlich von selbst bewegt.
Vielleicht geht es darum, dass Wasser nicht das Einzige ist, wonach wir im Untergrund suchen. Wir suchen auch weiterhin nach der Möglichkeit, dass es etwas gibt, das über das hinausgeht, was wir sehen können.