Von Reetdächern zum Wein: Wenn Notwendigkeit zu Luxus wird

Im Norden Deutschlands gibt es viele Häuser mit steilen Dächern, die vollständig aus Reet bestehen. Aus der Ferne wirkt die Landschaft wie von dunklen Baumwolltüchern bedeckt, die sich über die Dächer der ohnehin sehr ansprechenden Häuser legen; so geordnet, dass man sich beim Vorbeigehen fast selbst wie ein Störfaktor fühlt.

„So ein Dach kostet richtig viel Geld“, sagt mir der Busfahrer, während wir uns beiläufig unterhalten. „Und es geht nicht nur um den Bau, sondern auch um die Instandhaltung und die Versicherung, die man abschließen muss.“

Tatsächlich kostet ein solches Reetdach, etwa das Dreifache eines normalen Daches. Hinzu kommen Wartung und Versicherung, die aufgrund der hohen Brandgefahr sehr teuer sind.

Dabei handelt es sich um eine sehr alte Bauweise, und früher gab es weder Geld noch Versicherungen: das einzige Ziel der Menschen war das Überleben.

Schilf gab es hier an der Elbe im Überfluss, und es eignete sich hervorragend, um sowohl gegen Hitze als auch gegen Kälte zu isolieren.

Wie kam es also zu dem Wandel von „Ich benutze Reet, weil es vorhanden ist“ zu „Ich wähle Reet, weil ich es mir leisten kann“?

Zunächst einmal waren Reetdächer früher weit verbreitet, weil es keine Alternative gab. Mit der Modernisierung wurden sie jedoch immer seltener. Und wie die Ökonomie zeigt: Was selten wird, gewinnt an Wert.

Hinzu kommt die menschliche Tendenz, das Vergangene zu romantisieren. Die nostalgische Vorstellung einer „authentischen“ Vergangenheit ist eine Konstante, die dazu führt, dass auch das ästhetisiert wird, was ursprünglich wenig mit Ästhetik zu tun hatte, da es schlicht aus harter Arbeit und dem Kampf ums Überleben entstanden ist.

Genau hier liegt der interessanteste anthropologische Aspekt dieser Geschichte: Die Moderne verwandelt Notwendigkeit in Privileg. Sie macht daraus eine Wahl. Und weil die Möglichkeit, viel Geld für etwas auszugeben, das nicht mehr notwendig ist, relativ selten ist, wird es zu einem Zeichen von Prestige.

Heute gibt es in Deutschland nur noch wenige Fachleute, die Reetdächer bauen können. Ein solches Dach zu besitzen ist daher ein echtes Statussymbol wirtschaftlichen Wohlstands.

Um dies mit den Theorien von Lévi-Strauss zu verbinden: Es hat ein bedeutender Wandel stattgefunden, weg vom Material selbst (dem Schilf) hin zu seiner symbolischen Bedeutung (Prestige).

Ein ähnliches Beispiel findet sich in Sardinien. In meinem Heimatort Lodè war Wein früher das mit Abstand am weitesten verbreitete Getränk (abgesehen von Wasser). Viele Menschen hatten eigene Weinberge und somit ihren eigenen Wein. Um den Dorfbewohnern zu signalisieren, dass der neue Wein fertig war, und dass es Zeit war, ihn zu probieren und eventuell zu kaufen, stellte man einen Zweig oder einen Besen vor die Tür.

Ein einfaches, fast primitives Zeichen, aus dem sich der sardische Begriff s’iscopile entwickelte (abgeleitet vom Wort iscopa – Besen), der Vorläufer der heutigen Bar, in der es damals noch nicht einmal Bier gab. Es war eine spontane Form von Geselligkeit, mit wenig Inszenierung.

Heute ist derselbe Wein zu einem fast ästhetischen Ritual geworden: serviert in Kristallgläsern, beschrieben in der Fachsprache von Sommeliers, kostet er fast so viel wie eine Niere und ist wahrscheinlich weniger „wertvoll“ als der Wein, der einst im s’iscopile ausgeschenkt wurde.

So wird das, was einst ein Zeichen von Mangel war, heute zu einem Zeichen von Distinktion.

Vielleicht lohnt es sich, darauf zu achten, wann wir nicht mehr die Dinge selbst konsumieren, sondern ihre Bedeutung.

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