Der Flicken auf dem Laken: Die Kunst, nichts wegzuwerfen

Gestern bin ich auf den Dachboden meiner Großmutter gegangen, um zwischen Kisten, Staub und Erinnerungen zu stöbern. Ich gehe immer wieder gern hinauf, denn alte Dachböden lösen dieses besondere Gefühl aus, irgendwo zwischen Nostalgie und Wehmut. Für ein paar Stunden scheint die Zeit stillzustehen, zwischen dem Geruch des Vergangenen und dem neuen Licht, das durch das Fenster fällt: Im Zeitalter der künstlichen Intelligenz steht man plötzlich mit einem verstaubten, kaputten Telefon mit Kabel in der Hand.

Auf einem Dachboden erzählt jedes Ding eine Geschichte. Und zwischen all diesen Geschichten habe ich etwas gefunden, das mich nicht nur in die Vergangenheit, sondern auch auf eine kleine philosophische Reise geführt hat: ein Laken. Blassgelb, dünn, abgenutzt, und ein Detail verrät, wie oft es benutzt wurde: ein quadratischer Flicken, sorgfältig angenäht, kaum dunkler als das Laken selbst.

Meine Großmutter war es gewohnt, nichts wegzuwerfen. Sie nähte, benutzte Dinge wieder, reparierte sie: nicht aus Armut, sondern weil sie die Mühe kannte, die in den Dingen steckt. Es war weniger Sparsamkeit als eine unbewusste Form von Klugheit, ein stiller Respekt vor den Dingen. Nicht der Wert des Lakens ist bemerkenswert, sondern die Haltung, die dahintersteht.
Selbst als sie älter wurde und eine gute Rente bekam, hätte sie sich neue Laken leisten können. Doch sie flickte weiter alles und legte Monat für Monat kleine Summen beiseite: nicht für sich, sondern für ihre Kinder, ihre Enkel, für alle, die sie liebte.

Wer von uns würde heute noch ein altes Laken oder eine abgetragene Hose flicken? Diese Haltung ist fast ganz verschwunden. In meinem Dorf gibt es heute mehr Autos als Menschen, die Häuser sind übervoll und die Geldbörsen leer: der modernste Widerspruch überhaupt.

Vielleicht ist das der Unterschied zwischen viel besitzen und gut mit dem auszukommen, was man hat. Reich ist nicht, wer viel verdient, sondern wer das Wenige mit Verstand nutzt.

Als Kind trug mein Onkel die Schuhe seines älteren Bruders und die Hosen, die meine Großmutter jedes Jahr für ihn abänderte. Heute wechseln Kinder die Schuhe, bevor sie überhaupt schmutzig werden, und ein einfacher Geburtstag ist zu einer kleinen Zeremonie des Überflusses geworden. Wir feiern nicht mehr das Leben, sondern die Menge.

Wir haben Fülle mit Sicherheit verwechselt und vergessen, was wirklich notwendig ist. Und doch braucht es manchmal nur wenig, um die Dinge zusammenzuhalten: einen sorgsam genähten Flicken, der uns hilft, das Wesentliche beisammenzuhalten.

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