Als er ins Café trat, fiel mir sofort seine dünne, zierliche Gestalt auf. Die kaputten und fleckigen Hosen, der schmutzige Rucksack und die kleine Gitarre machten ihn zum Sinnbild des „klassischen Obdachlosen“ in Berlin.
„Me lo dai un cannolo – Gibst du mir ein Cannolo?“ fragte er mich auf Italienisch, mit einem Akzent, der unverkennbar aus Süditalien stammte. Ich reichte ihm das Gebäck.
„Me lo dai un altro? – Gibst du mir noch eins?“
Noch nie hatte ich in Berlin einen italienischen Obdachlosen getroffen.
Während ich hinter dem Tresen stand und die Bestellungen der anderen Gäste vorbereitete, beugte ich mich vor, um ihn besser erkennen zu können: Ein ungepflegter, langer Bart, schwarze Hände. Das Gesicht eines Dreißigjährigen, gezeichnet von Leid, in dem vielleicht ein Rest Hoffnung zu lesen war.
Als keine Kunden mehr im Café waren, dachte ich, nun könnte ich mit ihm sprechen. Doch er war bereits verschwunden.
Er tauchte immer wieder auf, alle paar Wochen, wie ein Geist, der sich nicht zeigen mag, aber will, dass andere wissen, dass er existiert. Immer bat er um etwas zu essen und verschwand dann für eine Weile.
An einem sonnigen Tag stand ich vor dem Café und unterhielt mich auf Italienisch mit einer Freundin. Da sah ich ihn wieder. Er kam näher und bat uns um eine Zigarette. Ich gab sie ihm. Diesmal wirkte er nicht so flüchtig wie sonst, und ich nutzte die Gelegenheit, nach seinem Namen zu fragen.
„Ich heiße Alessandro.“
„Freut mich, ich bin Carla.“
Nach etwas Smalltalk schien er entspannter, und ich fragte: „Erzähl mir deine Geschichte. Wäre es für dich in Ordnung, wenn ich dich zum Essen einlade und du mir davon berichtest?“
Er willigte ein.
Als ich nach einer Kontaktmöglichkeit fragte, erklärte er, sein Handy sei zum Laden bei einem Freund, er werde später zurückkommen und mir seine Nummer bringen.
„Okay. Ich warte auf dich. Danke!“
Stunden später, als die Schicht sich dem Ende neigte, tauchte er tatsächlich wieder auf und gab mir seine Nummer. Ich freute mich:
„Ah! Du hast daran gedacht?“
„Ecche so’? Rincoglionito? – Was denkst du, bin ich völlig neben der Spur?“
Wir lachten beide herzlich. In diesem Moment war ich froh, wie klar und humorvoll er wirkte.
Ich plante, einen Artikel über ihn zu schreiben, und kontaktierte ihn eine Woche darauf. Er antwortete am nächsten Tag, war sichtlich glücklich, dass wir zusammen essen gehen sollten, und erzählte, wie sehr ihm das Sonntagsessen mit seiner Familie fehlte.
Er bedankte sich bei mir.
„Gibt es etwas, das du nicht isst?“ fragte ich ihn, um das passende Restaurant auszuwählen.
„Thunfisch, Kapern… und ich hasse Ketchup.“
„Gut, dann treffen wir uns am Dienstagabend.“
Doch als ich ihn am Dienstag kontaktierte, blieb er stumm. Auch ein Anruf blieb unbeantwortet; er blieb verschwunden. Ich suchte oft nach ihm, doch es schien, als sei etwas geschehen, vielleicht ein Unfall, dachte ich.
Auf Facebook suchte ich ihn, nicht aus Neugier, sondern um zu verstehen, wer er einst gewesen war, ob er einmal ein „normales Leben“ geführt hatte, ehe er in diesen Strudel geriet. Ich fand fünf Profile: einen gutaussehenden Mann, einige Fotos mit einer Frau, lächelnd und gepflegt.
Erst Wochen später begriff ich, was geschehen war, als ich ihn in einer Ecke kauern sah: kein Unfall, sondern ein innerer Sturm.
Am Telefon sprach er in Zeitlupe und wirr. „Ciao, ciao“, sagte er und legte auf.
„Ale! Wie geht es dir?“
Seine Antwort bestand aus zusammenhanglosen Sätzen und Gemurmel.
„Mit wem hast du gesprochen? Alles in Ordnung?“
„Mit meiner Mama“, erwiderte er, während er einen Schuss auf der Alufolie vorbereitete und den Rauch einsog.
Als ich mir seine Mutter vorstellte, verspannte sich mein Magen. Ich hatte den Artikel, das gemeinsame Abendessen vergessen. Vor mir sah ich nur noch einen einsamen Mann, der vielleicht reden wollte.
Ich beugte mich zu ihm hinab, um ihm in die Augen sehen zu können.
„Möchtest du reden?“ – „Mmh …“. Er bewegte den Kopf irritiert, und ich spürte, dass er einfach in seinem eigenen Strudel bleiben wollte.
„Soll ich gehen?“ Er nickte traurig, sein Gesicht sprach Bände und sagte mir: „Tut mir leid, ich kann nicht anders.“
Meine Lippen zogen sich zusammen, und ich fühlte mich machtlos und gescheitert.
Gestern begegnete ich ihm wieder am Bahnsteig, dünner als je zuvor, mit einem blauen Auge. Mit hastigem Abschied verschwand er, als hätte er einen wichtigen Termin. Es erschien mir, als renne er symbolisch vor sich selbst davon. Er war verloren.