Willkommen in Sardinien, aber bitte nicht zu sehr: Auf Verkehrsschilder zu schießen ist wie an einen Baum zu pinkeln, um sein Revier zu markieren

Als ich klein war und wir uns auf den Weg zu irgendeinem Arzttermin machten, habe ich die durchlöcherten Verkehrsschilder gar nicht bemerkt.

Aber nachdem ich viele Jahre außerhalb der Insel gelebt habe, kam mir beim letzten Mal, als ich eines gesehen habe, ganz automatisch der Impuls, es zu fotografieren.

Für jemanden, der in Sardinien geboren ist, ist das völlig normal. Aber wenn man es mit etwas Abstand betrachtet, ist es eigentlich ziemlich seltsam: Stellt euch mal vor, jemand nimmt ein Gewehr in die Hand und schießt auf ein Schild, das einfach nur eine Richtung anzeigt.

Klar, objektiv gesehen ist genau das passiert, aber aus der Sicht von außen wirkt es völlig absurd.

Und doch steckt, meiner Meinung nach, eine ganz klare, anthropologisch lesbare Botschaft hinter dieser Geste.

Ein Verkehrsschild ist etwas, das “von außen” aufgestellt wurde, von einer Instanz, deren Regeln sich von Natur aus mit denen der lokalen Gemeinschaften beißen.

Dieses Schild, aufgestellt vom Staat, ist ein Symbol: Es kommt von außen, bringt Regeln mit, die oft im Widerspruch zu den hiesigen stehen. Darauf zu schießen ist eine (rohe, aber eindeutige)Art zu sagen: Hier-gebt-nicht-ihr-den-Ton-an.

Wer das sardische Hinterland kennt, weiß es: Dort gelten ungeschriebene Gesetze, eigene Regeln. (Ich habe darüber in diesem Artikel geschrieben: Die Überreste des Barbaricino-Kodex heute.)
Der Konflikt zwischen äußeren und inneren Normen ist Teil einer viel zu langen und komplexen Geschichte, um sie hier zu erzählen. Ich fasse sie mal ganz grob so zusammen: Die Ablehnung gegenüber staatlicher Autorität führt zu Gesten, die diese symbolisch herausfordern und zurückweisen.
Ein Grund dafür liegt in der Geschichte von geografischer Isolation und politischen Vernachlässigungen, in einem Volk, das sich sein eigenes Verständnis von Gerechtigkeit und Ordnung aufgebaut hat.

Wenn man dazu noch Nostalgie und eine sehr romantische Vorstellung vom eigenen kulturellen Erbe mischt, bekommt man die perfekte Rezeptur für eine neue Generation von „Balentes„: stolze Menschen, bewaffnet mit Symbolen, zwischen Vergangenheit und Zukunft, die den Mythos brauchen, um die Gegenwart zu verstehen.

Auf Korsika passiert etwas Ähnliches, was vielleicht hilft, die Geste besser zu deuten: Dort werden die Schilder nicht durchlöchert, sondern einfach übermalt. Die französischen Namen werden überklebt, und mit der Hand schreibt jemand den korsischen Namen darüber. Als wollte man sagen: Das hier ist unser Zuhause und wir nennen es bei seinem richtigen Namen.

Die Logik dahinter ist der sardischen nicht unähnlich: In vielen Orten gibt es heute zweisprachige Schilder. Italienisch und Sardisch, nebeneinander.

Vielleicht ist es auch deshalb so, dass gerade dort, wo der Name des Ortes auch in der Sprache von Zuhause steht, die Schilder ein wenig länger ganz bleiben.

Denn auf einen Namen zu schießen, der sich wie deiner anfühlt, macht einfach weniger Spaß.

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