Wie es sich anfühlt, nach langer Zeit ins eigene sardische Dorf zurückzukehren

Viele Jahre im Ausland zu leben, vor allem wenn man sehr jung ausgewandert ist, ist ein bisschen so, als würde man das frühere Leben aus der Entfernung betrachten, wie einen Ameisenhaufen. Die einzelnen Fehler, Widersprüche und all die Dinge, die einen damals gestört haben, erkennt man nicht mehr so deutlich. Übrig bleibt vor allem ein unscharfes Gesamtbild, das die eigene Vorstellungskraft daraus gemacht hat.

Jung und allein zu sein, weit weg von zu Hause, macht den Menschen außerdem besonders empfänglich für jede Form menschlicher Wärme. Und oft wird ausgerechnet der Ort, den wir verlassen haben, zu diesem Halt. Das eigene Zuhause erscheint in der Erinnerung warm, vertraut und einladend. Vielleicht gilt das umso mehr, wenn dieses Zuhause ein kleines Dorf ist.

Aus der Ferne wird das Dorf zur Gemeinschaft. Alle kennen einander, man grüßt sich, spricht dieselbe Sprache, teilt Erinnerungen, Redewendungen und Rituale. Alles, was einem früher, als man selbst dort lebte, manchmal erdrückend vorkam, bekommt mit der Zeit einen wärmeren Anstrich.

Aber dann… kommt man zurück. Und bleibt eine ganze Weile.

Wenn man sich dem Ameisenhaufen wieder nähert, diesmal mit all den Erfahrungen im Gepäck, die sich über die Jahre angesammelt haben, passiert etwas Interessantes, das bei genauerem Hinsehen eigentlich gar nicht so überraschend ist: Die kleine heile Welt, die wir uns im Kopf aufgebaut hatten, existiert nicht. In Wirklichkeit kümmert sich jede Ameise um ihren eigenen Kram. Zumindest so lange, bis eine andere den Kopf ein bisschen zu weit herausstreckt. Dann beginnt sich plötzlich der ganze Ameisenhaufen für sie zu interessieren.

Nach fast elf Jahren im Ausland für ein Jahr in mein sardisches Heimatdorf zurückzukehren, hat sich für mich ungefähr so angefühlt. Ich fühlte mich ein wenig betrogen. Nicht von Sardinien, sondern von mir selbst. Von der Art, wie sehr ich einen Ort romantisiert hatte, den ich als viel authentischer und ursprünglicher in Erinnerung hatte, als er mir nun erschien.

Vielleicht hat das auch mit dieser typisch sardischen Neigung zu tun, die Vergangenheit zu verehren, uns immer wieder zu erzählen, wer wir einmal waren, und uns oft stärker als Sard:innen denn als Italiener:innen zu fühlen.

Entfernung erzeugt allerdings ein merkwürdiges Paradox. Je stärker man den Ort idealisiert, aus dem man kommt, desto eher stellt man bei der Rückkehr fest, dass man selbst nicht mehr vollständig dorthin gehört. Gleichzeitig lässt sich aber auch der Ort, in den man ausgewandert ist, nicht unbedingt als „Zuhause“ bezeichnen.

So landet man in einer Art Schwebezustand der Zugehörigkeit: Wenn man weg ist, ist man diejenige aus Sardinien. Wenn man zurückkommt, ist man diejenige, die weggegangen ist.

Vielleicht kehrt sich genau an diesem Punkt das Verhältnis zum Zuhause um. Man kehrt nicht einfach nach Hause zurück. Man muss sich ein Zuhause in sich selbst schaffen.

In meinem Dorf hat sich innerhalb von etwa zehn Jahren vieles verändert. Manches war vermutlich schon vorher da, und ich habe es nur nicht gesehen, weil ich zu jung war. Anderes scheint sich verstärkt zu haben.

Die Abwanderung etwa hinterlässt nicht nur leere Häuser. Je weniger Menschen bleiben, desto sichtbarer wird das Leben jedes Einzelnen. Man beobachtet einander mehr, redet mehr übereinander, und die Gemeinschaft, die aus der Ferne so beruhigend wirkte, kann aus der Nähe zu sozialer Kontrolle und Konkurrenz werden.

Auch der Umgang mit Identität hat mich irritiert. An einem Ort, an dem die sardische Sprache und lokale Lebensformen immer mehr an Bedeutung verlieren, trifft man gleichzeitig auf Menschen, darunter auch sehr junge, die ihre Identität über nationalistische Symbole oder das Gehabe kleiner Faschisten aufbauen.

Dieser Widerspruch hat bei mir immer einen gewissen Kurzschluss ausgelöst. Nicht nur wegen der Geschichte Sardiniens und des komplizierten Verhältnisses der Insel zum italienischen Staat, sondern auch deshalb, weil dieses Gehabe erstaunlich wenig mit vielem von dem zu tun hat, was ich selbst als tief sardisch kennengelernt habe.

Dazu gehört der Umgang mit s’istranzu, dem Fremden. Ein Ausdruck kommt mir dabei immer wieder in den Sinn: prima ass’istranzu – Der Fremde zuerst.

Zuerst derjenige, der von außerhalb kommt. Zuerst derjenige, der niemanden kennt. Zuerst derjenige, der aufgenommen werden muss.

Ich will auch die Vergangenheit nicht idealisieren. Dörfer waren nie glückliche Inseln der Toleranz, und jeder, der in einem aufgewachsen ist, kennt das Gewicht sozialer Kontrolle und fremder Urteile. Gerade deshalb fällt mir aber auf, wie wenig die heutige Skepsis gegenüber dem Anderssein mit dieser alten Form der Gastfreundschaft gemeinsam zu haben scheint.

Einen ähnlichen Widerspruch habe ich gespürt, als ich mit einigen jungen Männern über das Verhältnis zwischen Männern und Frauen gesprochen habe. Ich habe Männer erlebt, auch sehr junge, die ihre Partnerin mit Sätzen verteidigten wie: „Mit einer Frau redet man nicht so. Bei einem Mann ist das etwas anderes.“

Der Satz soll offenbar ritterlich klingen. Mich hat er stattdessen an meine Großmutter erinnert.

Denn wenn ich an die Frauen ihrer Generation zurückdenke, erinnere ich mich nicht daran, dass Männer für sie festgelegt hätten, in welchem Ton man mit ihnen sprechen durfte. Wenn überhaupt, war es meine Großmutter, die den Ton einer Diskussion vorgab.

Noch ein Widerspruch: Sind wir wirklich immer „moderner“ geworden? Oder haben wir bestimmte Formen der Vergangenheit abgelegt, ohne sie zwangsläufig durch etwas Besseres zu ersetzen?

Nach vielen Jahren zurückzukehren bedeutet auch das: festzustellen, dass der Ort, an den wir uns erinnern, nicht mehr genauso existiert, wie wir ihn in Erinnerung haben.

Vor allem aber bedeutet es zu erkennen, dass auch wir selbst nicht mehr dieselben sind.

Vielleicht ist es genau das, was eine Rückkehr so merkwürdig macht.Wir glauben, zurückzukehren, um etwas wiederzufinden, das wir zurückgelassen haben. Und dann stellen wir fest, dass wir während all der Zeit, in der wir uns eine herzliche Heimkehr ausgemalt haben, selbst langsam zu „den Fremden“ geworden sind.

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