Ich erinnere mich noch daran, wie wir in der Schule am Holocaust-Gedenktag Schindler’s List sahen, den berühmten Schwarz-Weiß-Film über die Zeit des Nationalsozialismus.
Der Film war äußerst bewegend, doch für uns Jugendliche wirkte diese Geschichte gleichzeitig unendlich weit entfernt. Unbewusst dachten wir etwas wie: „Zum Glück ist das alles so lange her und heute leben wir in besseren Zeiten.“ Fast so, als wollten wir uns mental vor diesem Grauen schützen.
Damals war ich noch Jugendliche. Heute, etwas mehr als fünfzehn Jahre später, kann ich mit Sicherheit sagen, dass mir dieser mentale Schutz immer mehr wie eine Illusion erscheint.
Wir sollten alle Die Pest der Journalistin Tonia Mastrobuoni lesen, weil das Buch etwas beschreibt, das viele Menschen weiterhin hartnäckig für unmöglich halten: die Rückkehr von Sprache, Ideen und Denkstrukturen, die wir endgültig der Vergangenheit zugeordnet hatten.
Nein, Mastrobuonis Die Pest ist nicht die metaphorische Pest, von der Albert Camus schrieb, auch wenn die Parallelen unvermeidlich sind. Es ist eine Recherche, die in die unsichtbarsten Bereiche Deutschlands vordringt und den Leser zwingt, sich einer Frage zu stellen, die Hannah Arendt bereits nach dem Krieg erkannt hatte: Damals wurden die Nationalsozialisten verurteilt, aber nicht unbedingt der Nationalsozialismus selbst.
Naiverweise haben wir den deutschen Rechtsextremismus lange als etwas Randständiges betrachtet: Nostalgiker des Nationalsozialismus, Holocaustleugner und folkloristische Figuren. Ein bisschen so wie in Italien der ahnungslose kleine Faschist von nebenan, der Phrasen nachplappert wie „Unter Mussolini fuhren die Züge pünktlich“, ohne auch nur ansatzweise zu verstehen, was der Faschismus tatsächlich gewesen ist.
Doch ein Teil der deutschen extremen Rechten weiß sehr genau, was der Nationalsozialismus war. So sehr, dass Björn Höcke, der AfD-Chef in Thüringen, ehemaliger Geschichtslehrer ist. Geschichte erzählt er allerdings auf seine eigene Weise: Einige ehemalige Schüler berichten, dass er im Unterricht gerade den Teil über den Nationalsozialismus häufig übersprang.
Mastrobuoni erzählt außerdem, dass sie während eines Interviews besonders von einem Satz Höckes irritiert war. Auf eine Frage antwortete er:
„Ich kann nichts dafür, dass mein Herz brennt.“
Gerade die Nationalsozialisten bedienten sich eines solchen emotional aufgeladenen Sprachgebrauchs. Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte die deutsche Politik beinahe einen instinktiven Widerstand gegen allzu pathetische nationale Rhetorik, politischen Romantizismus und identitäre Emotionalität. Eine solche Sprache wurde zu einer Art unausgesprochenem Tabu.
Höcke jedoch, und nicht nur er, greift genau diese emotionale und symbolische Sprache wieder auf. Er bezeichnete das Holocaust-Mahnmal in Berlin nicht nur als „Denkmal der Schande“, sondern sprach in einem seiner Bücher auch von der Multikulturalisierung der Schulen als einem „Symptom des Verfalls“.
Ebenso wie viele AfD-Vertreter, die mit erstaunlicher Nonchalance ständig von „Remigration“ sprechen und Begriffe verwenden, die man in Deutschland noch vor wenigen Jahren öffentlich kaum hätte aussprechen können.
Doch wenn dies die sichtbare Oberfläche ist, zeigt sich hinter der Maske etwas noch tiefer Verwurzeltes. Etwas Dunkles.
Im Buch werden auch die sogenannten „völkischen“ Bewegungen beschrieben, die vor allem in den abgelegensten ländlichen Regionen Deutschlands präsent sind. Gemeinschaften, die auf den ersten Blick harmlos erscheinen: große Familien, ein naturverbundenes Leben. Disziplin, Organisation, Kinder, die dazu erzogen werden, makellos zu sein.
Und doch verbirgt sich hinter dieser Normalität eine ethnische Vorstellung von Gesellschaft: die Idee eines „reinen“ Deutschlands, das bewahrt werden müsse, indem alles beseitigt wird, was als fremd oder unrein wahrgenommen wird, insbesondere Ausländer, Juden und Menschen mit Behinderung. Die Vorstellung, den Boden dafür vorzubereiten, dass Deutschland eines Tages wieder ein „Reich“ werden könnte, ein viertes.
Das vielleicht Beunruhigendste ist, dass diese Milieus nicht nur in der Gegenwart denken, sondern in Generationen: Sie erziehen ihre Kinder dazu, Teil eines zukünftigen Projekts zu werden. Sie lernen viel, organisieren sich, verwurzeln sich langsam in ihrem Umfeld, ohne zu viel Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.
Genau hier trifft das Buch am stärksten: Diese Gruppen handeln nicht im Chaos oder in Improvisation, sondern mit Methode und Disziplin. Und es ist unmöglich, dabei nicht an eine tief in der deutschen Kultur verwurzelte Eigenschaft zu denken: die Fähigkeit, sich äußerst präzise und effizient zu organisieren. Eine Eigenschaft, die in der deutschen Geschichte Außergewöhnliches hervorgebracht hat, die jedoch beunruhigend wird, wenn sie in den Dienst solcher Ideologien gestellt wird.
Und genau das macht Die Pest vielleicht so verstörend: dass bestimmte Ideen nicht nur am Rand, im Chaos oder in folkloristischer Nostalgie überleben, sondern sich anpassen und tarnen können.
Das Beunruhigendste ist vielleicht, dass sie keinerlei Eile haben: Sie wissen genau, wie lange sie warten müssen, um langsam wieder Raum in der öffentlichen Sprache und in der Gesellschaft einzunehmen.